Was ist eigentlich Soziologie?

Der bedeutende aber nicht unumstrittene deutsche Soziologe Theodor W. Adorno hat in einer seiner Vorlesungen die Soziologie als "Einsicht in das Wesentliche der Gesellschaft" bezeichnet. Aber was ist das Wesentliche der Gesellschaft? Und was soll demgegenüber das Unwesentliche sein?

Wir haben uns doch alle in dieser Gesellschaft eingerichtet - wozu braucht man dann eine Wissenschaft, die nach dem Wesentlichen von Gesellschaft fragt? Gut, wer ein Hochhaus bauen will, der muss die Gesetze der Statik beherrschen, damit das Haus nicht direkt nach dem Richtfest in sich zusammenbricht. Aber wozu die "Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft" - wenn diese dann das Wesentliche wären - erforschen? Die Gesellschaft funktioniert doch auch so, ohne dass Soziologen sie erklären!

Und außerdem: Wir erleben tagtäglich die Alltagswirklichkeit dieser Gesellschaft - wir spüren selbst, wie diese Gesellschaft funktioniert. Wieso brauchen wir dann noch eine Wissenschaft?

Solche Fragen sind auf den ersten Blick sicherlich nicht unberechtigt. Aber:

  • Kennen wir nicht alle das Phänomen, dass sich dieselben Menschen im Privatleben ganz ungezwungen geben, im Berufsleben sich aber von einer ganz anderen Seite präsentieren? Diese Differenz hat mit den unterschiedlichen Erwartungen zu tun, die in den verschiedenen Situationen an die Person gestellt werden: Im Privatleben soll sie ein Freund sein, im Berufsleben dagegen z. B. ein durchsetzungsfähiger Abteilungsleiter. Konflikte, die sich aus diesen unterschiedlichen Erwartungen ergeben könnten, erklärt der Soziologe aus den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen und nicht als ein persönliches Versagen der Person.
  • Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die meisten Jugendlichen von sich behaupten, vollkommen individuell ("Ich bin ich!") und unangepasst ("Ich mache nur, was ich will!") zu sein - und dennoch gesellschaftlich gültigen Normen, Schönheitsidealen und Verhaltensweisen folgen? Ist somit persönliche Individualität gesellschaftlich erzeugt, ohne dass man sich dessen bewusst ist, indem eine bestimmte Art sich zu kleiden dadurch zur Mode wird, dass sich einzelne Gruppen durch äußerliche Zeichen (z. B. Kleidung) voneinander abgrenzen wollen.
  • Wenn es so wäre, dass Erwerbslosigkeit eine Folge der persönlichen Faulheit von Arbeitslosen ist - weshalb gab es dann in vorindustriellen Gesellschaften keine Arbeitslosigkeit? War damals etwa niemand faul? Oder hat Erwerbslosigkeit vielleicht etwas mit der jeweils gültigen Gesellschaftsstruktur zu tun?

Diese "Merkwürdigkeiten" zeigen: Ganz so einfach ist die Frage nach dem ‘Wesentlichen’ der Gesellschaft nicht zu beantworten und unsere Alltagswahrnehmung greift manchmal zu kurz. Die Soziologie bemüht sich nach dem bisher Dargestellten offenbar darum, die allgemeinen alltäglichen Phänomene auf ihre gesellschaftlichen Ursachen zurückzuführen.

Die Soziologie will aber daneben auch erklären, weshalb es in Gesellschaften, die von sich behaupten, freie bzw. "offene Gesellschaften" zu sein, strukturelle Zwänge gibt, die keine freie Entscheidung zulassen wie z. B. die durch ungleiche Bildungschancen verursachte Unfreiheit, sich den Job nicht aussuchen zu können. Kurz: Die Soziologie will prüfen, wie Anspruch und Wirklichkeit unserer Gesellschaft zusammenhängen.

Oder in den Worten von Adorno: "Was Soziologie eigentlich ist oder zu sein hat, das kann man nur dadurch herausfinden, dass man sie betreibt." Also: dass man's halt macht!

Und so wird's bei uns am NRK gemacht:

  • Einführungsphase (Einführung in die Grundkategorien soziologischen Denkens)
    1. Verhältnis Individuum - Gesellschaft: Zum Begriff der Interaktion
    2. Der Prozess der Sozialisation: Das Zusammenspiel zwischen ‘äußerer’ und ‘innerer’ Realität bei der Herstellung sozialer Handlungskompetenz
    3. Die unterschiedlichen Sozialisationstheorien als Beispiel für unterschiedliche Theorieansätze in der Sozialforschung

(Soziologie kann am NRK in der Einführungsphase nur im ersten Semester belegt werden.)

  • Themen der Hauptphase
    • III. Semester / Alltagstheoretische Beschreibung der gegenwärtigen Gesellschaft unter dem Schwerpunkt der Individualisierung:
    1. Der Prozess der Individualisierung nach Beck / Giddens
    2. Bedeutung von Arbeitslosigkeit und Armut für den Einzelnen
    3. Lebensstil nach Schulze bzw. Bourdieu
    4. Wertewandel nach Inglehart
    • IV. Semester / Der soziale Wandel von der vor- zur postindustriellen Gesellschaft in den Bereichen Werte, Technologien, Lebensformen und Arbeit und seine Auswirkungen auf die Lebensgestaltung:
    1. Veränderungen der Funktionen der Familie unter den Bedingungen von Entstrukturierung und Enttraditionalisierung
    2. Sozialisationstheorien; Rollentheorie
    3. Rolle Mann / Frau in Familie und Gesellschaft
    4. Familienpolitik: Möglichkeiten und Grenzen
    5. Entwicklung der Kommunikationstechnologien
    • V. Semester / Entwicklung und Struktur der Gesamtgesellschaft auf der Ebene sozialwissenschaftlicher Deutungen gesellschaftlicher Ungleichheit:
    1. Dimensionen sozialer Ungleichheit in Deutschland (materielle Ungleichheit und Ungleichheiten der Bildung, des Prestiges und der Macht)
    2. Theorien zur Beschreibung sozialer Ungleichheit: klassische Schichtungstheorie, nivellierte Mittelstandsgesellschaft, Theorien sozialer Lagen, Milieutheorien
    3. Gesellschaftstheorien
    4. demographischer Wandel (Lebenslaufforschung)
    • VI. Semester / In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?
    1. Systematische Verknüpfung und Vertiefung einzelner in den Semestern behandelter Themenaspekte unter gesellschaftskritischen Aspekten